abgeschlossen 12/2025
Das Risikoobservatorium der DGUV möchte frühzeitig Veränderungen erfassen, die Arbeitswelt, Hochschulen, Schulen und Kitas zukünftig beeinflussen werden. Welche Entwicklungen verändern in den nächsten fünf bis zehn Jahren wo, wie und in welchem Umfang die Arbeits- und Bildungswelt der Versicherten? Was bedeuten diese Neuerungen für die Verhütung von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren? Wo sind besondere Präventionsanstrengungen gefordert und wie können sie konkret aussehen?
Die Unfallversicherungsträger (UVT) beauftragten das IFA 2011 mit der Entwicklung und der Durchführung eines Risikoobservatoriums. Das Risikoobservatorium unterstützt die UVT seither bei einer proaktiven Prävention, indem es branchenübergreifend und branchenbezogen Top-Entwicklungen identifiziert. Dies sind Entwicklungen, die die Sicherheit und Gesundheit der Versicherten in der näheren Zukunft stark beeinflussen werden. Seit 2011 hat das Risikoobservatorium zwei Befragungszyklen durchlaufen (2012 bis 2016, Projektnummer IFA0096, und 2017 bis 2021, Projektnummer IFA0100). Dabei hat es sich in seiner Methodik stetig weiterentwickelt.
Die 3. Befragungsrunde folgt einem 3-Jahres-Zyklus. Sie sieht eine enge Verzahnung mit der DGUV Trendsuche vor und machte einige vorbereitende Betrachtungen und Arbeiten erforderlich, die in einem Vorbereitungsprojekt (Projektnummer IFA0102) umgesetzt wurden. Die Vorbereitung umfasste zum einen eine umfassende Sammlung von Trends als Ausgangspunkt für die Befragung im Risikoobservatorium. Sie wurde auf den Internetseiten des Risikoobservatoriums veröffentlicht und wird kontinuierlich fortgesetzt und ergänzt. Sie umfasst zehn Globaltrends mit jeweils bis zu 25 Entwicklungen. Zum anderen umfasste die Vorbereitung die Konzipierung und Entwicklung zweier unabhängiger Befragungen, auf die sich das Risikoobservatorium bei der Identifikation von Top-Entwicklungen stützt: Die sogenannte Branchenrelevanz-Befragung und die sogenannte Zukunftsrelevanz-Befragung.
Mit dem vorliegenden Projekt kommen diese Instrumente nun zum Einsatz und es beginnt die operative Phase der 3. Befragungsrunde, die die Entwicklungen mit dem größten Einfluss auf die Arbeitswelt und die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit auf der Basis von Einschätzungen von Fachleuten aus der Wissenschaft und dem Arbeitsschutz identifiziert.
Gegenstand des vorliegenden Projekts war die Umsetzung des zuvor erarbeiteten neuen Konzeptes. Dazu gehörten die Durchführung der Befragungen und – über deren Auswertungen – die Identifikation und Beschreibung branchenspezifischer und branchenübergreifender Top-Entwicklungen. In der Branchenrelevanz-Befragung schätzten Fachleute der gesetzlichen Unfallversicherung alle Entwicklungen der Befragungsrunde hinsichtlich ihres Einflusses auf die Sicherheit und Gesundheit der Versicherten ihrer jeweiligen Branche ein. Pro Entwicklung wurden die Einschätzungen der Branchenfachleute einer Branche gemittelt. Über dieses Vorgehen konnten branchenspezifische Top-Entwicklungen identifiziert werden.
In der Zukunftsrelevanz-Befragung bewerteten Fachleute aus Wissenschaft und Arbeitsschutz innerhalb und außerhalb der gesetzlichen Unfallversicherung Entwicklungen ausschließlich aus dem Blickwinkel ihrer Expertise hinsichtlich des Einflusses dieser Entwicklungen auf die Arbeitswelt der kommenden fünf bis zehn Jahre. Die Einschätzungen der Fachleute wurden pro Entwicklung gemittelt. Fachleute aus dem Gebiet des Arbeitsschutzes bewerteten zusätzlich auch den Einfluss auf die Sicherheit und Gesundheit der Versicherten. Aus den Ergebnissen der statistischen Auswertungen der Zukunftsrelevanz-Befragung wurden branchenübergreifende Top-Entwicklungen pro Globaltrend sichtbar.
In einem nächsten Schritt wurden für alle Top-Entwicklungen aus der Zukunftsrelevanz-Befragung Kurzbeschreibungen angefertigt, die auch betroffene Branchen auswiesen und präventionsrelevante Folgen beschrieben. Zudem wurden auch Kurzbeschreibungen für solche Entwicklungen angefertigt, deren Einfluss in den nächsten fünf bis zehn Jahren ausschließlich in der Branchenrelevanz-Befragung als sehr groß eingeschätzt wurde. Zur Schärfung der Kurzbeschreibungen wurden neben Literatur- und Webrecherchen zu den Entwicklungen auch vertiefende Interviews mit Fachleuten aus den Befragungskollektiven durchgeführt.
Die Zukunftsrelevanz-Befragung soll alle drei Jahre durchgeführt werden. In der Zwischenzeit wird die Trendsammlung erweitert. Neu gefundene Entwicklungen müssen bewertet werden, damit sie bei entsprechend großem Einfluss unter den Top-Entwicklungen und mit einer Kurzbeschreibung berücksichtigt werden können. Daher bewertet das Sachgebiet "Neue Formen der Arbeit" des DGUV Fachbereichs Organisation (FB ORG) mit seiner Trendsuche-Gruppe diese neu gefundenen Entwicklungen in regelmäßigen Abständen in einem Schnellbewertungsverfahren, das auf den gleichen Fragen basiert wie die Zukunftsrelevanz-Befragung. Eingeschätzt wird die Größe des Einflusses einer Entwicklung auf die Arbeitswelt und auf die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Hinsichtlich des Einflusses auf die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit wird zusätzlich die vermutete Gefährdung und Betroffenheit durch die Entwicklung sowie die Notwendigkeit neuer oder angepasster Präventionsangebote bewertet.
Die Präventionsleitungskonferenz der UVT kann die Weiterbearbeitung einzelner Top-Entwicklungen veranlassen, z. B. in DGUV Fachbereichen und Sachgebieten oder in Form eines UVT-übergreifenden Austauschs, z. B. in einem Workshop oder Fachgespräch.
Um Begrifflichkeiten zu schärfen, wurden im Zuge der Umsetzung des neuen Konzepts für das Risikoobservatorium terminologische Anpassungen vorgenommen: Aus Entwicklungen wurden "Trends", aus Globaltrends "Trendkategorien" und aus Kurzbeschreibungen "Trendbeschreibungen".
Die Trendbeobachtung und -analyse innerhalb des Risikoobservatoriums beleuchtet Schlüsselfragen für den Arbeitsschutz.
Die Trendsammlung diente der Beantwortung der ersten Frage. Zum Zeitpunkt des Starts der o.g. Befragungen zur Priorisierung des gesammelten Trends im Frühjahr 2023 umfasste die Trendsammlung 117 Trends, die zehn Trendkategorien zugeordnet wurden:
Analog zur Anzahl der Trendkategorien gab es zehn verschiedene Zukunftsrelevanz-Befragungen, in denen der Einfluss der Trends jeweils einer Kategorie auf die Arbeitswelt bewertet werden sollte. 1 332 ausgewählte Fachleute aus der Wissenschaft sowie Präventionsfachleute der gesetzlichen Unfallversicherung wurden gebeten, ihre Einschätzungen abzugeben. Der Rücklauf betrug 16,4 %. Über ein komplexes statistisches Auswerteverfahren wurden 36 Top-Trends identifiziert.
In der Branchenrelevanz-Befragung bewerteten 252 Fachleute der gesetzlichen Unfallversicherung alle 117 Trends für ihre jeweilige Branche. Sie schätzten also den Einfluss des jeweiligen Trends auf die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit der Versicherten in ihrer Branche ein. Berücksichtigt wurden 57 Branchen. Die Top-Trends dieser Befragung wurden numerisch bestimmt: Hat ein Trend großen Einfluss in mindestens 30 % aller Branchen, zeichnet er sich als branchenübergreifend aus und gilt somit als Top-Trend. Die Branchenrelevanz-Befragung ermittelte elf Top-Trends, von denen bereits acht in den Zukunftsrelevanz-Befragungen identifiziert wurden.
Insgesamt ergaben sich aus allen Befragungen 39 Top-Trends. In der Projektlaufzeit konnten zu 25 der 39 Top-Trends Trendbeschreibungen generiert und im Trendportal veröffentlicht werden. Ergänzend zu den Trendbeschreibungen, die die wichtigsten Hintergrundinformationen zusammenfassen, um den Trend mit seinen Auswirkungen auf den Arbeitsschutz darzustellen, wurden sogenannte Effektskizzen erstellt. Die Idee zu den Effektskizzen entstand im Laufe des Projekts, da in Vorträgen präsentierte Mind-Maps zu einzelnen Top-Trends als Vorläufer der Effektskizzen als besonders hilfreich bewertet wurden. Die Effektskizzen visualisieren die Wirkungskette vom abstrakten Trend bis hin zum konkreten Outcome (arbeitsbedingte Gesundheitsgefahr, Erkrankung, Unfall) auf einen Blick. Die Trendbeschreibungen und die Effektskizzen ergänzen sich als Ergebnisprodukte. Auch die Effektskizzen sind im Trendportal zu finden.
Um das Risikoobservatorium und seine Ergebnisprodukte zu evaluieren, ist im Frühjahr 2026 nach Beendigung des aktuellen Projekts eine Befragung der Präventionsleitungen der Unfallversicherungsträger geplant (Projektnummer IFA0104).
-branchenübergreifend-
Gefährdungsart(en):-Verschiedenes-
Schlagworte:Risikoabschätzung
Weitere Schlagworte zum Projekt:Risikoobservatorium, Prävention, Risiko, neu aufkommende Risiken, Trend, Entwicklung, Unfallversicherungsträger
Alle Trendbeschreibungen und Effektskizzen: IFA - Fachinfos: Das Trendportal des Risikoobservatoriums
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