Physiologisches und biomechanisches Belastungsprofil im Berufsfeld der radgestützten Schnelllieferdienste

Projekt-Nr. IFA 4263

Status:

laufend 02/2026

Zielsetzung:

Fahrradfahrende Schnelllieferdienste haben sich als feste Struktur in der Waren- und Essensauslieferung etabliert und bilden im urbanen Raum eine wachsende Alternative zur Auslieferung mit herkömmlichen Fahrzeugen. Eine aktuelle Erhebung aus Mailand, Italien, ergab auf das Fortbewegungsmittel bezogen eine Verteilung von 47,4 % Pedelecs (ugs. E-Bikes), 41 % konventionelle Fahrräder, 9 % Motorroller und 2,6 % andere Fahrzeuge. Innerhalb der Gruppe der Fahrradfahrenden (Pedelecs und konventionelle Fahrräder) könnte die Wahl eines nicht motorisierten Fortbewegungsmittels mit einer physiologischen Mehrbelastung der Ausliefernden einhergehen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht hinreichend erfasst wurde. Es existieren bereits arbeitswissenschaftliche Studien zu verwandten Berufsgruppen, die konventionelle Fahrräder in ihrem Arbeitsalltag nutzen. Beispiele hierfür sind Fahrradkuriere oder Briefzusteller, jedoch beschränken sich die bisherigen Studien meist auf die Erfassung globaler Belastungsparameter wie die Herzfrequenz und daraus indirekt ermittelte metabolische Äquivalente. Demgegenüber sind aus der sportwissenschaftlichen Literatur radspezifischere Messverfahren und Belastungsparameter bekannt, die sich auch auf die Berufsgruppe der Ausliefernden anwenden lassen. So können neben den oben genannten globalen Parametern beispielsweise auch die mechanische Arbeit, Leistung oder muskuläre Sauerstoffsättigung während der täglichen Arbeit durchgängig am Fortbewegungsmittel und den Ausliefernden selbst erfasst werden.

Im Auftrag der Berufsgenossenschaften Handel und Warenlogistik (BGHW) und Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation (BG Verkehr) führte das Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) im Zeitraum 2024 bis 2026 eine interdisziplinäre Felduntersuchung durch. Das vorliegende Teilprojekt fokussiert sich hierbei auf die physiologischen Belastungen der Waren- und Essensauslieferung mit konventionellem Fahrrad und Pedelec.

Aktivitäten/Methoden:

Das messwertbasierte physiologische Belastungsprofil der Berufsgruppe der Schnelllieferdienstleistenden wurde für die Subgruppe der konventionell Fahrenden (n = 6) und die Subgruppe der Pedelecfahrenden (n = 14) aus nachfolgenden Parametern erstellt: Leistung, mechanische Arbeit, Arbeitsherzfrequenz, Herzratenvariabilität, muskuläre Sauerstoffsättigung, totale Hämoglobinmenge, Trittfrequenz und Körperkerntemperatur. Des Weiteren wurden allgemeine Tätigkeitsmerkmale wie die Geschwindigkeit, Distanzen, Höhenmeter und Informationen über die Belastungs-/Entlastungszeiten erfasst. Alle Parameter wurden mit kommerziell verfügbaren Messsystemen wie einem Leistungsmesssystem, Herzfrequenzbrustgurt mit zusätzlichem Temperatursensor und Nahinfrarotspektroskop in Kombination mit einer GNSS-Multisportuhr synchronisiert aufgezeichnet.

Die Einordnung der auftretenden Belastung erfolgte auf Basis des Arbeitsenergieumsatzes und der Arbeitsherzfrequenz. Der Arbeitsenergieumsatz wurde anhand der am Pedal erfassten mechanischen Arbeit mit einer Wirkungsgradannahme von 18 % berechnet. Die Arbeitsherzfrequenz wurde als arbeitsbedingte Erhöhung gegenüber der Ruheherzfrequenz ermittelt. Die Ruheherzfrequenz wurde durch ein 30-minütiges Ruheintervall vor Arbeitsbeginn sitzend ermittelt.

Ergebnisse:

Die Fahrtätigkeit der Schnelllieferdienstleistenden resultierte für konventionell Fahrende in einem mittleren Arbeitsenergieumsatz von 23 kJ/min. Im Vergleich reduziert sich der mittlere Arbeitsenergieumsatz für Pedelecfahrende auf 8 kJ/min. Die Arbeitsherzfrequenz zeigt ein übereinstimmendes Bild: Fahrradfahrende erfuhren eine arbeitsbedingte Erhöhung der Herzfrequenz um 72 S/min, Pedelecfahrende hingegen 42 S/min. Durch die Nutzung von Pedelecs konnte somit eine leichte physiologische Belastung (< 4200 kJ/Schicht) beobachtet werden, wohingegen konventionell Fahrende mit einer hohen Arbeitsschwere (> 6300 kJ/Schicht) bewertet werden müssen. Die Nutzung von Pedelecs resultierte in keiner statistischen signifikanten Erhöhung der durchschnittlichen und maximalen Geschwindigkeit. Pedelecfahrende fuhren im Mittel 18 km/h und maximal 32 km/h, konventionell Fahrradfahrende im Mittel 16 km/h und maximal 30 km/h. Das Verhältnis von Fahrzeit zur Arbeitszeit unterschied sich ebenfalls in beiden Gruppen nicht. Der Fahrtanteil für Pedelecfahrende lag bei 49 % gegenüber 57 % für Fahrradfahrende. Durch die Nutzung von Pedelecs konnte keine Produktivitätssteigerung erreicht werden, beide Gruppen konnten im Mittel 2,2 Bestellungen pro Stunde durchführen.

Zusammenfassend kann durch die arbeitsbedingte Nutzung von Pedelecs effektiv die physische Belastung reduziert werden. Auf Basis der Empfehlungen für körperliche Belastung bei Ganzkörperarbeit kann auf eine Acht-Stunden-Schicht bezogen durch die Nutzung von Pedelecs eine Klassifizierung der Arbeitsschwere von schwer zu leicht erzielt werden. Auf die Produktivität hat die Nutzung von Pedelecs keinen Einfluss, da externe Faktoren wie die innerstädtische Verkehrslage oder Zubereitungszeiten der Speisen hier eine höhere Gewichtung zu haben scheinen.

Stand:

01.07.2026

Projekt

Projektdurchführung:
  • Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW)
  • Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekomunikation (BG Verkehr)
Branche(n):

Verkehr

Gefährdungsart(en):

Mehrfachbelastungen, ungünstige Arbeitsumgebung

Schlagworte:

Muskel-Skelett-Erkrankungen (außer Krebserkrankungen), Ergonomie, Transport und Verkehr

Weitere Schlagworte zum Projekt:

Physiologische Belastung, Radfahren, Fahrrad, Pedelec, Lieferdienste, Basisarbeit, Arbeitsphysiologie

Kontakt

Weitere Informationen

El-Edrissi, O.; Raffler, N.; Prismak, M.; Wilzopolski, T.; Kleinewalter, N.; Heinrich, K.: Die Reduktion der physiologischen Belastung durch die Nutzung von Pedelecs bei Schnelllieferdienstleistenden. Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, 2026.