Schwere Verkehrsunfälle sind kein unausweichliches Schicksal
Unfälle auf dem Weg zur Arbeit geschehen oft im Straßenverkehr und sind ein zentrales Thema für die gesetzliche Unfallversicherung. Die Europäische Kommission mahnt mehr Tempo bei der Verbesserung der Verkehrssicherheit an und fordert eine engere Zusammenarbeit in Europa. Gleichzeitig werden die Herausforderungen, die Sicherheit auf deutschen Straßen zu erhöhen immer komplexer. Welche Maßnahmen jetzt entscheidend sind und wie Politik, Wirtschaft und Prävention besser zusammenwirken können – darüber sprach DGUV Kompakt mit Manfred Wirsch, dem Präsidenten des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR).
Herr Wirsch, die EU-Kommission fordert in ihrem Fortschrittsbericht zur Umsetzung des EU-Straßenverkehrssicherheitsrahmens 2021–2030 alle Beteiligten auf, zu kooperieren und die Herausforderung der Verkehrssicherheit dringend anzunehmen. Wie bewerten Sie diese Forderung?
Diese Forderung kommt nicht nur zur richtigen Zeit – sie ist überfällig, denn die bisherigen Fortschritte reichen nicht aus. Zwar ist die Zahl der in der EU im Straßenverkehr getöteten Menschen seit 2019 um zwölf Prozent gesunken, doch das Ziel der Vision Zero ist immer noch erschreckend weit entfernt. Positiv ist, dass Instrumente wie die General Safety Regulation – die EU-Verordnung zur allgemeinen Sicherheit, die verbindliche und moderne Sicherheitsfunktionen für Neufahrzeuge vorschreibt – sowie Fortschritte in der Infrastruktur und bei Datengrundlagen Wirkung zeigen. Aber der Bericht zeigt auch, was fehlt – Dynamik und Verbindlichkeit.
Ein wachsendes Verkehrsaufkommen darf dabei niemals als Ausrede dienen. Wir brauchen politischen Mut für klare Regeln bei neuen Mobilitätsformen wie E-Scootern und mehr europäische Koordination, etwa beim automatisierten und vernetzten Fahren. Kooperation ist entscheidend, muss aber mit klaren Verantwortlichkeiten und entschlossenen Maßnahmen einhergehen.
Vor welchen Herausforderungen steht die Verkehrssicherheit aktuell?
Auf EU-Ebene stehen Sicherheitsstandards aus Wettbewerbs- und Kostengründen unter Druck, etwa bei Debatten über erleichterte Vorgaben für kleinere Fahrzeugklassen. Solche Signale wirken bis nach Deutschland, wenn geringe Anforderungen an Assistenzsysteme bei Kleinwagen gefordert werden.
Gleichzeitig entscheidet sich Sicherheit in der Infrastruktur. Jede Investition muss konsequent auf Sicherheit ausgerichtet sein und bei Standards, Förderprogrammen und Planung auf allen Ebenen von Anfang an verbindlich mitgedacht werden. Verkehrssicherheit wird komplexer und strategisch anspruchsvoller. Deshalb brauchen wir keine kurzfristigen Reaktionen, sondern eine strategische Steuerung mit langem Atem.
Der DVR veröffentlichte kürzlich Forderungen an die Politik, um damit die Zahl der getöteten und schwerverletzten Menschen im Straßenverkehr nachhaltig zu senken. Um welche Maßnahmen geht es konkret?
Wenn wir die Vision Zero ernst meinen, brauchen wir ein entschlossenes Gesamtprogramm aus Infrastruktur, Fahrzeugtechnik und Verhalten. Die zehn Top-Forderungen des DVR fassen die wichtigsten Schwerpunkte zusammen.
Ein Schwerpunkt liegt auf Landstraßen, wo knapp 60 Prozent aller im Straßenverkehr getöteten Menschen zu verzeichnen sind. Das ist eine dramatische Realität. Deshalb haben wir den Bund aufgefordert, auf engen Landstraßen und an Knotenpunkten die Geschwindigkeit abzusenken. Die Bundesländer müssen die mehr als 10.000 Unfallhäufungsstellen konsequent und mit ausreichenden Ressourcen entschärfen. Innen- und Justizressorts sind aufgefordert, Verkehrsverstöße wirksam zu kontrollieren und zu ahnden, auch durch sogenannte Handy-Blitzer gegen Ablenkung am Steuer. Kommunen müssen Fuß- und Radverkehrswege sicher planen und umsetzen – und Kreuzungen und Schulwege von Falschparkern freihalten.
Sie waren über 11 Jahre Vorstandsvorsitzender der DGUV und setzen sich weiterhin als Mitglied im Vorstand für die Interessen der Versicherten ein. Welche Rolle spielt die Verkehrssicherheit aus Sicht der gesetzlichen Unfallversicherung – gerade mit Blick auf die Wegeunfälle?
Die Zahlen der DGUV sprechen eine klare Sprache: Von den 560 tödlichen Arbeits- und Wegeunfällen im Jahr 2024 waren 51 Prozent Unfälle im Straßenverkehr. Verkehrsunfallprävention ist damit kein Randthema, sondern ein zentrales Schutzversprechen der Unfallversicherung.
Hinter jedem Unfall stehen nicht nur Menschen, Familien, Existenzen, sondern zugleich enorme ökonomische Dimensionen. Die volkswirtschaftlichen Kosten von Straßenverkehrsunfällen belaufen sich inzwischen jährlich auf über 40 Milliarden Euro. Prävention ist also nicht nur ein Schutz des Lebens, sondern auch eine Stärkung unserer Wirtschaft und Zukunftsfähigkeit.
ZITAT
Prävention ist nicht nur ein Schutz des Lebens, sondern auch eine Stärkung unserer Wirtschaft und Zukunftsfähigkeit.
Welche Botschaft möchten Sie Politik und Gesellschaft mitgeben?
Schwere Verkehrsunfälle sind kein unausweichliches Schicksal. Sie sind vermeidbar. Wir wissen, was wirkt – wir müssen es nur konsequent umsetzen. Jeder vermiedene Unfall bedeutet weniger Leid und zugleich eine enorme wirtschaftliche Entlastung. Deshalb braucht es auf allen Ebenen Klarheit und Konsequenz: Europa und der Bund müssen Standards sichern, Bund und Länder Investitionen so steuern, dass sie konkrete Sicherheitsgewinne bringen, und vor Ort müssen bekannte Maßnahmen verlässlich umgesetzt werden.
An die Gesellschaft richte ich einen eindringlichen Appell: Menschen, die auf unseren Straßen arbeiten, nehmen uns keine Zeit. Sie sorgen dafür, dass unser Verkehr fließt – und damit unsere Mobilität, unsere Wirtschaft und letztlich unser tägliches Leben funktionieren. Ob auf Baustellen, im Lkw oder bei Entsorgungs- und Rettungsdiensten: Schenken wir diesen Menschen Respekt statt Ungeduld. Seien wir aufmerksam, gehen wir vom Gas, halten wir Abstand. Denn ein Moment der Achtsamkeit kostet uns nur Sekunden, kann einem anderen Menschen aber das Leben bewahren.
Mehr Informationen:
GUT ZU WISSEN
Sichere Arbeits-, Dienst- und Schulwege
Das Präventionsportal „Deine Wege“ ist ein gemeinsames Angebot des Deutschen Verkehrssicherheitsrates sowie der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. Ziel ist es, die Sicherheit auf Wegen zur Arbeit, zur Schule oder im Dienst zu verbessern.
„Deine Wege” bietet zielgruppengerechte Maßnahmen, Trainings und Seminare , Aktionen im Betrieb sowie hilfreiche Checklisten an – für Beschäftigte, Führungskräfte, Sicherheitsfachleute in Betrieben sowie für Bildungseinrichtungen. So unterstützt das Portal dabei, Risiken zu reduzieren und Unfälle auf Wegen zu vermeiden.
Finden Sie passende Angebote im Präventionsportal .
Beitrag teilen: