Psychische Gesundheit 4/2026

Gesund am Arbeitsplatz: die Psyche in den Blick nehmen

Angesichts sich stetig verändernden Arbeitsformen und Rahmenbedingungen rückt die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz in den Fokus von Politik und Prävention. Diskutiert werden Lösungen, um psychosoziale Risiken stärker zu berücksichtigen. Dabei gilt: Psychische Belastung ist nicht grundsätzlich negativ. Herausforderungen und anspruchsvolle Aufgaben können motivieren und die persönliche Entwicklung fördern. Entscheidend ist, dass die Belastung keine Gefährdung für die Gesundheit darstellt. Wie das gelingen kann, welche Rolle Führungskräfte dabei spielen und warum die Gefährdungsbeurteilung ein wichtiges Präventionsinstrument ist, erläutert unsere Expertin Sieglinde Ludwig im Interview.

Eine Hand dreht einen kleinen Holzwürfel auf einem Tisch. Auf den sichtbaren Seiten des Würfels sind stilisierte Kopf-Symbole mit Batteriestandsanzeigen abgebildet: einmal mit grün gefüllter Batterie und einmal mit fast leerer roter Batterie. Der Hintergrund ist unscharf und neutral gehalten. (Celt Studio / stock.adobe.com)
Herausforderungen können Menschen bei der Arbeit motivieren. Wichtig ist, dass anspruchsvolle Aufgaben die Gesundheit nicht gefährden. (Celt Studio / stock.adobe.com)

Frau Ludwig, in der öffentlichen Diskussion wird häufig von psychischer Belastung als Problem gesprochen. Warum gehört Belastung grundsätzlich zum Arbeitsleben dazu?

Weil psychische Belastung grundsätzlich zu jeder Zeit bei jeder Tätigkeit auftritt. Der Terminus ist neutral und nicht per se negativ zu verstehen.

Denn: Arbeit ist ein wichtiger Schutzfaktor für die psychische Gesundheit, weil sie Struktur gibt, sozialen Rückhalt bietet und Sinn vermittelt. Studien zeigen, dass Arbeitslosigkeit mit einem erhöhten Risiko für Depressionen, Angststörungen und einem geringeren Wohlbefinden verbunden ist. Psychische Beanspruchung kann zu positiven, anregenden Effekten, zum Beispiel Lernen sowie Kompetenzentwicklung führen. Allerdings sind die Zusammenhänge komplex und nicht jede Arbeit wirkt gleichermaßen positiv. Zudem können belastende Arbeitsbedingungen die psychische Gesundheit auch beeinträchtigen. In der Summe hat Beschäftigung in der Regel aber positive Auswirkungen auf das individuelle Befinden.

Sieglinde Ludwig (Bild: Sandra Seifen Fotografie)
Sieglinde Ludwig, Leiterin des DGUV-Fachbereichs „Gesundheit im Betrieb“ (Bild: Sandra Seifen Fotografie)

 

Ab wann wird Belastung zu einem gesundheitlichen Risiko?

Im Gegensatz zu Gefahrstoffen oder einem Schallpegel, gibt es für die psychische Belastung keinen Grenzwert. Die unmittelbare Auswirkung einer psychischen Belastung wird als psychische Beanspruchung bezeichnet. Sie ist abhängig von den jeweiligen Leistungsvoraussetzungen eines Menschen, einschließlich seiner individuellen Bewältigungsstrategien. Zeichen für negative beeinträchtigende Effekte sind beispielsweise Konzentrationsstörungen, eine Erhöhung der Herzfrequenz oder des Blutdrucks.

Welche arbeitsbedingten Faktoren führen besonders häufig zu, Gefährdung der Gesundheit? Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Eine Gefährdung durch psychische Belastung kann entstehen, wenn Anforderungen die verfügbaren Ressourcen übersteigen. Das ist z. B. der Fall, wenn

  • hohe Arbeitsmengen unter Zeitdruck bewältigt werden müssen,
  • die Aufgaben wenig Handlungsspielraum bieten,
  • es widersprüchliche Anforderungen zum Beispiel Qualität versus Geschwindigkeit gibt und
  • soziale Unterstützung am Arbeitsplatz fehlt.

 

Diese arbeitsbedingten Faktoren haben sich in den letzten Jahren durch Fach- und Arbeitskräftemangel sowie Digitalisierung verändert. Damit verbunden waren Arbeitsverdichtung und veränderte Arbeitsformen.

Der Lern- und Anpassungsdruck, der mit der Einführung digitaler Tools einhergeht, erzeugt zusätzlichen Stress. Zudem finde ich persönlich, dass es bedingt durch die vielfältigen digitalen Tools, die eingesetzt und ausprobiert werden, weniger klare Strukturen gibt, die ebenfalls zu einer Überforderung führen können. Wichtig ist auch die Gestaltung von hohen emotionalen Anforderungen in Berufen, wie im Gesundheitsdienst und in der Pflege.

Führungskräfte haben großen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten. Welche Maßnahmen können sie ergreifen, um Gefährdungen zu reduzieren und gleichzeitig Motivation und Leistungsfähigkeit zu fördern?

Richtig, Führungskräfte sind grundsätzlich für die Rahmenbedingungen bei der Arbeit und insbesondere für die Gestaltung der sozialen Beziehungen verantwortlich. Sie können Raum für den Austausch bieten, sollten ein „offenes Ohr“ für die Anliegen ihrer Beschäftigten haben und sie bei Bedarf unterstützen. Nicht vergessen sollten sie, wie wichtig es ist, regelmäßig Feedback zu Arbeitsergebnissen zu geben. Lob und Anerkennung müssen genauso rückgemeldet werden, wie Korrektur- oder Verbesserungsbedarf. Insbesondere wenn es Konflikte gibt und Fehler geschehen sind, ist im Sinne einer offenen Fehlerkultur konstruktiv damit umzugehen. Demzufolge müssen Führungskräfte genügend Zeit für Führung erhalten und sofern sie neu in der Funktion sind, Qualifizierungsmöglichkeiten bekommen. Wertschätzung ist gerade in der jetzigen Zeit bedeutend, um das eigene Team insgesamt zu entwickeln und zukunftssicher aufzustellen.

Wichtig finde ich auch, klare Aussagen zur beruflichen Erreichbarkeit. Keinesfalls sollten die Grenzen verschwimmen, denn Beschäftigte brauchen Raum für Erholung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

ZITAT

Wertschätzung ist gerade in der jetzigen Zeit bedeutend, um das eigene Team insgesamt zu entwickeln und zukunftssicher aufzustellen.

Sieglinde Ludwig

Ende des Zitats

Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ist ein gesetzlich verankertes Instrument. Warum ist sie für Unternehmen so wichtig und welche Erkenntnisse lassen sich daraus für die Prävention gewinnen?

Es gibt nur eine Gefährdungsbeurteilung und diese muss, wie im Arbeitschutzgesetz beschrieben, auch die psychische Belastung berücksichtigen. Das Sachgebiet „Psyche und Gesundheit in der Arbeitswelt“ meines Fachbereichs „Gesundheit im Betrieb“ hat vor diesem Hintergrund am GDA-Arbeitsprogramm Psyche und insbesondere an den Empfehlungen zur „Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung“ mitgewirkt. Die seitdem existierenden sechs Gestaltungsbereiche – Arbeitsaufgabe, Arbeitsorganisation, Arbeitszeit, soziale Beziehungen, Arbeitsumgebung und Arbeitsmittel – erlauben es, konkrete Gestaltungsempfehlungen zu geben.

Die Unternehmen können somit die Gefährdungen durch psychische Belastung ermitteln und so weit wie möglich reduzieren. Wir haben deshalb den Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung aufgebaut, mit dessen Hilfe Unternehmen anhand von Beispielen guter Praxis voneinander lernen sollen und freuen uns im Sinne des lebenslangen Lernens über weitere Beispiele.

ZITAT

Die Unternehmen können die Gefährdungen durch psychische Belastung ermitteln und so weit wie möglich reduzieren.

Sieglinde Ludwig

Ende des Zitats

Umfragen der DGUV und der GDA zeigen, viele Betriebe tun sich noch schwer damit, Gefährdungen durch psychische Belastung systematisch zu erfassen. Welche typischen Hürden erleben Sie in der Praxis – und wie können diese überwunden werden?

Wir erleben, dass kleine Betriebe häufig gut aufgestellt sind, sich aber mit der Dokumentation schwertun. Wenn sie, wie in unseren Ideen-Treffen skizziert agieren, vermeiden sie Gefährdungen aktiv und meines Erachtens sollte das Ergebnis zählen. Ich bin gespannt, ob sich im Zuge der Entbürokratisierungsdebatte hier etwas tut. Ich kann nur dazu raten, dass die Betriebe Ihren Unfallversicherungsträger um Unterstützung bitten, wenn sie sich schwertun. Alle unserer Mitglieder haben hierzu Personen, die ganz gezielt zur Berücksichtigung der psychischen Belastung beraten können und ggf. auch zu anderen Sozialleistungsträgern, die unterstützen, lotsen.

Der Blick nach Europa zeigt, dass psychosoziale Risiken zunehmend auf der politischen Agenda stehen. Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren und was bedeutet das für Unternehmen und Führungskräfte in Deutschland?

Ja, die nächste EU-OSHA-Kampagne (2026-2028) widmet sich deshalb dem Schwerpunkt psychische Gesundheit, den wir auch in unserem Vorsitzjahr 2026 in der Nationalen Präventionskonferenz gesetzt haben. Ziel ist es Bewusstsein zu schaffen, Betrieben konkrete Werkzeuge zu geben und gemeinsam die Prävention psychosozialer Risiken systematisch umzusetzen. Die Kampagne ist damit eine direkte Reaktion auf die zunehmenden psychosozialen Risiken in Europa. Sie verdeutlicht den Wandel hin zu einem ganzheitlichen Arbeitsschutz, bei dem Gefährdungen durch psychische Belastung systematisch erfasst und präventiv gestaltet werden müssen. Für Unternehmen und Führungskräfte in Deutschland bedeutet dies steigenden Handlungsdruck, insbesondere in Bezug auf Arbeitsorganisation, Führung und Unternehmenskultur.

Weiterlesen:

Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung

Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung

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